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    Grüne Schnittstellen: Warum Nachhaltigkeit in der Versicherungs-IT bei den Daten beginnt
    25.09.2026Sasha Justmann6 Min. Lesezeit
    BIPRO

    Grüne Schnittstellen: Warum Nachhaltigkeit in der Versicherungs-IT bei den Daten beginnt

    Warum Nachhaltigkeit in der Versicherungs-IT nicht beim Reporting beginnt, sondern bei der Frage, wie Daten strukturiert sind.

    Nachhaltigkeit ist in der Assekuranz längst kein Randthema mehr, das nur den Kapitalanlage- oder Produktbereich betrifft. Zwei Fragestellungen werden dabei oft vermischt: Wie macht IT ihren eigenen Betrieb nachhaltiger – und wie hilft IT, Nachhaltigkeit in der übrigen Wertschöpfungskette überhaupt messbar zu machen? Beide Perspektiven betreffen die BiPRO-Welt unmittelbar.

    Regulatorischer Druck: Warum 2026 zum Wendepunkt wird

    Auslöser ist für viele Versicherer die Regulatorik. Das Omnibus-I-Paket der EU-Kommission hat die CSRD-Schwellenwerte zwar angehoben – künftig sind grundsätzlich nur noch Unternehmen mit über 1.000 Mitarbeitenden und über 450 Millionen Euro Umsatz verpflichtet, 2026 gilt als Übergangsjahr für CSRD, ESRS-Überarbeitung und EU-Taxonomie. Gleichzeitig kommen ab 2026 planmäßig auch kleine und nicht komplexe Kreditinstitute sowie firmeneigene Versicherungsunternehmen erstmals in die Berichtspflicht, inklusive Klimaschutz-Reporting nach ESRS E1, gekoppelt an die EU-Taxonomie-Verordnung zur Offenlegung taxonomiekonformer Umsätze und Investitionen.

    Was wie ein Finanz-Reporting-Thema wirkt, ist in Wahrheit ein Datenproblem: Ohne strukturierte Produkt-, Vertrags- und Schadendaten lässt sich weder ein Corporate Carbon Footprint noch eine Taxonomiequote belastbar ausweisen. Genau hier beginnt die IT-Perspektive.

    Nachhaltigkeit in der IT: Die Infrastruktur selbst grüner machen

    Die erste Perspektive betrifft die IT als Verursacherin von Ressourcenverbrauch. Mit dem Energieeffizienzgesetz (EnEfG) hat der Gesetzgeber Rechenzentren erstmals ein eigenes energierechtliches Pflichtenregime auferlegt: Neue Rechenzentren, die ab dem 1. Juli 2026 in Betrieb gehen, müssen einen PUE-Wert (Power Usage Effectiveness) von maximal 1,2 einhalten, Bestandsanlagen müssen bis 2027 auf 1,5 und bis 2030 auf 1,3 nachziehen. Hinzu kommt eine gestaffelte Pflicht zur Abwärmenutzung sowie – bereits seit 2024 – die Vorgabe, den Energiebedarf zunehmend aus erneuerbaren Quellen zu decken, ab 2027 bilanziell vollständig. Bei Verstößen drohen Bußgelder bis zu 100.000, in bestimmten Fällen bis zu 200.000 Euro. Wer IT-Dienstleistungen einkauft oder eigene Rechenzentren betreibt, sollte diese Werte kennen – nicht nur aus Compliance-Gründen, sondern weil sie zunehmend Teil von Ausschreibungskriterien werden.

    Neben Hardware und Hosting lohnt sich aber ein Blick auf eine Dimension, die in der Diskussion oft übersehen wird: die Datenarchitektur selbst. Jede unstrukturierte Schnittstelle – ein PDF, das erst per OCR ausgelesen werden muss, ein Portal, das gescrapt wird, ein Dokument, das eine KI erst „verstehen" muss, bevor die enthaltenen Daten weiterverarbeitet werden können – erzeugt zusätzlichen Rechenaufwand, der bei einer standardisierten, strukturierten Schnittstelle gar nicht erst anfällt. Eine BiPRO-normierte Nachricht liegt bereits maschinenlesbar vor und muss nicht erneut interpretiert werden. Über eine einzelne Transaktion betrachtet ist dieser Unterschied klein – bei einer marktweit genutzten BiPRO-Infrastruktur, die eine Vielzahl von Versicherern mit tausenden Vertriebspartnern verbindet, skaliert sich der Effekt jedoch: Eine einmal normierte Transformation wird vielfach wiederverwendet, statt dass jede Verbindung ihre eigene, individuelle Datenaufbereitung betreiben muss. Ob und in welchem Umfang sich das quantitativ in CO₂-Äquivalenten niederschlägt, ist bislang nicht systematisch untersucht – der Zusammenhang zwischen Standardisierungsgrad und vermiedenem Verarbeitungsaufwand ist aber naheliegend und würde sich lohnen, empirisch belegt zu werden.

    Nachhaltigkeit durch IT: Wenn Daten Risiken sichtbar machen

    Die zweite Perspektive dreht das Verhältnis um: IT nicht als Verbraucherin, sondern als Befähigerin von Nachhaltigkeit. Und hier liefert die Schadenstatistik einen drastischen Hintergrund. Naturkatastrophen verursachten 2025 weltweit Schäden von rund 224 Milliarden US-Dollar, wovon etwa 108 Milliarden US-Dollar auf die Versicherungswirtschaft entfielen – rund 17.200 Menschen kamen dabei ums Leben, deutlich mehr als im Vorjahr. Über 90 Prozent dieser Schäden gehen auf Wetterereignisse zurück, nicht auf Erdbeben oder andere geologische Ursachen. Die European Environment Agency kommt in ihrer ersten europäischen Klimarisikoanalyse zu einem ähnlich eindringlichen Befund: 36 identifizierte Klimarisiken in fünf Risikoclustern, von denen mehr als die Hälfte bereits heute akuten Handlungsbedarf erfordert.

    Diese Zahlen sind für Versicherer keine abstrakte Nachhaltigkeitskennziffer, sondern originäres Kerngeschäft – Prämienkalkulation, Rückversicherungsstrategie, Standortbewertung. Damit Klimarisikodaten, Gebäude- und Elementarschadendaten aber überhaupt in Tarifierung und Schadenprozesse einfließen können, müssen sie strukturiert und schnittstellenfähig vorliegen. Wie praxisnah das bereits umgesetzt wird, zeigte die Sustainable Insurance Convention 2026 in Leipzig: Ein dort vorgestelltes Praxisbeispiel eines Versicherers erprobt seit einem halben Jahr einen „grünen Kreislauf" in der Kfz-Sparte, bei dem Werkstätten gebrauchte Ersatzteile für Unfallfahrzeuge über spezialisierte Plattformen beziehen können – ein konkreter Kreislaufwirtschafts-Ansatz im Schadenmanagement, der ohne strukturierte Anbindung an diese Plattformen nicht skalierbar wäre. Bemerkenswert ist auch ein zweites Beispiel von derselben Veranstaltung: Teilnehmende Unternehmen stellten dort das Konzept einer zentralen „Trust-Plattform" vor, die ESG-relevante Unternehmensdaten nach dem Vorbild von Kreditauskunfteien bündelt – anstatt dass jeder Versicherer dieselben Daten einzeln und manuell bei seinen Bestandskunden erheben muss. Genau dieses Prinzip – eine Quelle, viele Nutzer, statt vieler Einzelabfragen – ist im Kern dasselbe, das BiPRO-Schnittstellen für Vertrags- und Schadendaten seit Jahren umsetzen.

    Handlungsfelder: Eine Checkliste zur Selbsteinordnung

    Wer im eigenen Haus oder bei Partnern strukturiert prüfen möchte, wo Nachhaltigkeit und IT zusammenlaufen, kann sich an folgenden Fragen orientieren:

    • Rechenzentrum & Hosting: Erfüllen die eigenen oder eingekauften Rechenzentren bereits die EnEfG-Vorgaben zu PUE-Wert, Ökostromanteil und Abwärmenutzung – und wird das vertraglich mit Dienstleistern fixiert?
    • Datenarchitektur: Wie oft werden dieselben Informationen (Vertragsdaten, Dokumente, Bestandsdaten) redundant neu erhoben, gerendert oder per KI aus unstrukturierten Quellen extrahiert, obwohl eine strukturierte Schnittstelle bereits existiert oder möglich wäre?
    • Lieferkette & Dienstleister: Können IT-Dienstleister und Softwarehäuser auf Anfrage Nachweise zu Energieeffizienz und Nachhaltigkeitsmaßnahmen liefern, etwa im Rahmen der Lieferkettensorgfaltspflichten?
    • Produktebene: Ist im eigenen Produktportfolio erkennbar, welche Nachhaltigkeitsaspekte ein Tarif adressiert – Klimaschutz, Kreislaufwirtschaftsanreize, soziale Komponenten – oder existiert diese Information nur verstreut in Marketingtexten?
    • Reporting-Fähigkeit: Lassen sich ESG-relevante Daten aus den Bestandssystemen maschinenlesbar exportieren, oder müssten sie für jede CSRD- oder Taxonomie-Meldung manuell zusammengetragen werden?

    Gerade der letzte und der vorletzte Punkt zeigen, wo eine Lücke im heutigen Datenmodell der Branche liegt.

    Impulse aus der Branchenvereinigung: BiPRO e.V. sondiert Aktionsfelder

    Dass Nachhaltigkeit auch für die Standardisierungsarbeit selbst relevant wird, zeigt sich derzeit auch beim BiPRO e.V. Im Rahmen laufender Digitalisierungsoffensiven und Normierungsvorhaben beschäftigt sich der Verein aktuell damit, welche Aktionsfelder in diesem Themenfeld für seine Mitglieder relevant werden könnten. Diskutiert werden dabei unter anderem die Reduktion des ökologischen Fußabdrucks der Mitgliedsunternehmen selbst, die Frage, inwiefern die Nutzung von BiPRO-Normen an sich bereits einen eigenständigen Nachhaltigkeitsbeitrag leistet – ein Gedanke, der sich mit der oben skizzierten Überlegung zu vermiedener redundanter Datenverarbeitung deckt –, sowie konkrete Anwendungsfälle: Wie könnten normierte Schnittstellen und darauf aufbauende Empfehlungen künftig auch die Produktentscheidung von Kundinnen und Kunden unterstützen, etwa indem Nachhaltigkeitsmerkmale von Versicherungsprodukten vergleichbar gemacht werden? Ein fertiges Ergebnis liegt hier naturgemäß noch nicht vor – die Sondierung befindet sich in einer frühen Phase. Bemerkenswert ist sie dennoch, weil sie zeigt, dass das Thema in der Normierungsarbeit der Branche angekommen ist und nicht länger nur in einzelnen Häusern diskutiert wird.

    Ein Blick nach vorn: Ein Nachhaltigkeitsattribut im BiPRO-Produktmodell

    Einer der oben skizzierten Anwendungsfälle – die Unterstützung der Produktentscheidung durch normierte Schnittstellen – nimmt bereits konkrete Form an. Das Produktmodell der BiPRO-Normenwelt – im Kern durch die Normen 300ff. und insbesondere Norm 310 beschrieben – bildet bereits heute ab, aus welchen Bausteinen sich ein Versicherungsprodukt zusammensetzt und wie diese Struktur über die TAA-Normen (421 bis 426) spartenspezifisch konkretisiert wird. Was in diesem Modell bislang fehlte, war eine standardisierte, transferierbare Möglichkeit, Nachhaltigkeitsaspekte eines Produkts abzubilden – nicht als Freitext im Bedingungswerk, sondern als strukturiertes Attribut, das ein Versicherer einmal pflegt und das über die bestehenden Schnittstellen automatisch bei allen angebundenen Vertriebspartnern ankommt – im Vergleichsrechner, im Maklerverwaltungsprogramm, in der Kundenberatung. Genau an dieser Lücke setzt die aktuelle Normierungsarbeit an: In der laufenden Releasegeneration wird derzeit ein entsprechendes Attribut erarbeitet, das mit künftigen Releases zur konkreten Nutzung bereitstehen soll.

    Ein solches Attribut muss nicht binär sein („nachhaltig ja/nein"), sondern kann, ähnlich der Logik der ESRS-Umweltstandards, mehrere Dimensionen abbilden: Enthält das Produkt Anreize zur Kreislaufwirtschaft? Fließen Klimarisikodaten in die Tarifierung ein? Gibt es eine soziale Komponente? Angesichts der wachsenden Zahl von Marktmonitoren und Produktdatenbanken für nachhaltige Versicherungsprodukte, die aktuell parallel und uneinheitlich entstehen, ist eine einheitliche Datenbasis über die etablierten BiPRO-Schnittstellen der naheliegendere Weg, als dass jeder Anbieter sein eigenes Format definiert.

    Fazit

    Die Nachhaltigkeitsdebatte in der Versicherungs-IT wird oft entweder als reines Compliance-Thema oder als reines Infrastrukturthema geführt. Beides greift zu kurz. Der eigentliche Hebel liegt dort, wo beide Perspektiven zusammenkommen: in Daten, die einmal strukturiert erfasst, aber mehrfach nutzbar sind – für die Kfz-Werkstatt genauso wie für den Nachhaltigkeitsbericht. Standardisierung war für die Assekuranz nie ein Selbstzweck. Beim Thema Nachhaltigkeit wird sie zu einer Voraussetzung.

    Lieber zuhören als lesen? Die fachlichen und technischen Themen aus diesem Beitrag werden auch im Podcast besprochen.

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    • Quellen25.09.202624 KB

      Quellenverzeichnis – Grüne Schnittstellen: Warum Nachhaltigkeit in der Versicherungs-IT bei den Daten beginnt

      quellenverzeichnis-gruene-schnittstellen-nachhaltigkeit-versicherungs-it-bipro.pdf

      Sachliches Quellenverzeichnis zum Fachbeitrag über Nachhaltigkeit, regulatorische Vorgaben und standardisierte Datenschnittstellen in der Versicherungs-IT.

    • Präsentation25.09.2026410 KB

      Präsentation (PDF) – Grüne Schnittstellen: Warum Nachhaltigkeit in der Versicherungs-IT bei den Daten beginnt

      praesentation-gruene-schnittstellen-versicherungs-it.pdf

      Erfahren Sie in dieser Entscheider-Präsentation, warum Nachhaltigkeit in der Versicherungs-IT bei strukturierten BiPRO-Daten beginnt.

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